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Zusammen glücklich im Postauto
Heidi und Werner Plattner aus Weissenstein bei Meikirch machen fast alles zusammen. Wenn Heidi ihren Mann beim Postautofahren begleitet, ist alles andere weit weg.

Heidi Plattner sitzt vorn im Postauto, direkt beim Eingang, und fährt mit ihrem Werner drei Mal von Bern nach Belp und zurück. Vor sich hat sie die Frontscheibe, auf der die Scheibenwischer hin und her fahren. Sie, die sonst gern und viel erzählt, schweigt. So ist die Vorschrift. Durch die Trennscheibe blickt sie hinüber zu ihrem Mann, der den 3-achsigen Gelenkbus so gelassen durch die Stadt steuert. Kein Rucken, keine harten Bremsmanöver. So will er es haben. «Es ist angenehm, mit Werner zu fahren. Er fährt so ruhig wie kaum einer.» Das bekommt Heidi von Bekannten immer wieder zu hören, und das macht sie stolz.
Vor einigen Tagen fragte Werner, ob sie ihn wieder einmal begleite. «Bahnersatz nach Belp.» «Warum auch nicht», gab Heidi zur Antwort. «Seit dem letzten Mal ist es schon eine Weile her.» Werner hat Radio Melody eingestellt, Schlager, so leise, dass ausser ihm nur Heidi sie hört. So fahren sie durch die nächtliche Stadt. Heidi hat Pulverkaffee und eine Thermosflasche eingepackt. Weil sie wusste, dass ein Fotograf mit dabei sei, hat sie das Hemd ihres Mannes besonders sorgfältig gebügelt und ist mit dem Bügeleisen auch über die Uniformhose gefahren, so, wie sie es vor Feiertagen macht.
Kein Entschluss, sondern eine Selbstverständlichkeit
Heidi und Werner Plattner wohnen auf Unterholz, einem kleinen Hof in Weissenstein, wo sie im Auftrag eines anderen Bauern Rinder aufziehen. Weil der Hof nicht genug hergibt zum Leben, hat Werner nach der Schule ausserhalb Arbeit gesucht. Als Schweisser, Lastwagenfahrer und sieben Jahre lang als Mechaniker für Baukrane. Es gefiel ihm, bis zu 40 Meter hoch über dem Boden zu arbeiten. «Es war eine schöne Zeit», sagt er.
Auch Heidi sagt von ihrer Arbeit in einem Sportfachgeschäft im Simmental, es sei eine schöne Zeit gewesen. Sie war für den Einkauf und die Schaufenster zuständig. «Eine Arbeit mit viel Verantwortung», sagt sie. Ende zwanzig lernten die beiden einander kennen. Als Fabian auf die Welt kam, gab Heidi ihre Arbeit auf. Das war kein Entschluss, das war eine Selbstverständlichkeit. Doch schon bald begann sie wieder zu putzen, zuerst bei Bekannten, dann auch bei Fremden, die schnell zu Bekannten oder sogar zu Freunden wurden.
Werner ist jetzt seit mehr als 20 Jahren Postautochauffeur. Das, sagt er, macht ihn glücklich, und auch Heidi ist glücklich. Postautofahren ist etwas, worauf man stolz sein kann. «Es ist mehr als ein Beruf», sagt Heidi. «Es ist eine Berufung.» Dann sagt sie einen schönen Satz: «Wenn ich in der Nacht bei ihm im Postauto sitze, ist alles andere draussen.»
Schöner als vor dem Fernseher
Das Miteinander ist ihnen wichtig. Miteinander machen sie die Stallarbeit. Miteinander warten sie im Frühling auf die Schwalben, die an der Stalldecke ihre Nester haben. Miteinander fahren sie auf ihren Motorrädern ins Seeland, hinauf ins Oberland oder nach Schwarzenburg. Bei diesen Ausfahrten gehen sie miteinander essen. In einer Dönerbude, wo es auch Pizza gibt. In einem Migrosrestaurant. Selten, selten, eigentlich fast nie in einer gepflegten Landbeiz.
Heidi freut sich, wenn Werner sie fragt, ob sie ihn im Postauto begleite.
«Wenn er es gern hat, dass ich ihn begleite, ist das schöner, als daheim vor dem Fernseher zu sitzen.»
Gibt es nichts, wo sie verschiedener Meinung sind? Gibt es nie laute Worte? Werden keine Türen zugeknallt? «Nichts dergleichen», sagt Heidi. «Oder?» Werner denkt einen Moment nach, sucht in seiner Erinnerung. «Nein, da ist tatsächlich nichts», bestätigt er. Im Gegenteil. Es kommt immer wieder vor, dass beide mit dem gleichen Gedanken unterwegs sind und ihn fast gleichzeitig aussprechen. Es hat nichts mit Katastrophen oder dem Weltfrieden zu tun. Es geht um die kleinen Dinge im Alltag. Um ein rotes Drehlicht für den Traktor, zum Beispiel, oder um die Waschmaschine, die nicht mehr rund läuft.
Vor vier Jahren ist auch Ramona, die Jüngere, ausgezogen, doch die Kinder kommen regelmässig vorbei, zum Grillieren, auf einen kurzen Kaffee oder für eine gemeinsame Fahrt auf den Motorrädern.
Vor einigen Jahren hatte Werner die Idee, den Zusammenhalt der Familie für alle sichtbar zu dokumentieren. Mit einigen Telefonanrufen beim Strassenverkehrsamt und mit ein paar Hundert Franken Gebühren erreichte er, dass alle vier Autos und alle vier Motorräder Schilder im tiefen 5-stelligen Bereich haben. Das ganz Besondere daran ist, dass diese aufeinanderfolgende Nummern haben. «Eine Superidee», sagt Heidi.
«Die Motorräder sind eigentlich der einzige Luxus, den wir uns leisten», sagt sie. «Und die Nummernschilder.» «Doch, da ist noch etwas», sagt Werner. «Oh, Achtung, jetzt bin ich neugierig», sagt Heidi. «Dieses Jahr im Tirol», sagt Werner. «Ach so, ja, natürlich», sagt Heidi. Im September haben sie dort ein Dirndl für Heidi und eine Lederhose für Werner gekauft. Diese Kleider werden sie in Zukunft tragen, wenn sie im Herbst ins Tirol fahren oder wenn sie an ein Fest gehen, wo es passt.
«Wir haben es gut», sagt Werner. «Schau dich um.» Mit einer grossen Bewegung deutet er auf das grosse Wohnzimmer, auf die Sonnenterrasse und auf die Felder vor ihrem Haus. Am Schluss dieser grossen Bewegung zeigt seine Hand auf Heidi. Sie strahlt. «Ich komme jeden Tag gerne heim», sagt Werner. «Jeden Tag.»