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«Unsere Kunst geht nur zu zweit»

Das Künstlerinnen-Duo BiglerWeibel bespielt mit seinen Performances Räume, dazu pflegen die beiden eine aussergewöhnliche Freundschaft. 

| Sophie Feuz | Gesellschaft
Jasmin Bigler (links) und Nicole Weibel machen gemeinsam Kunst. Foto: Nik Egger
Jasmin Bigler (links) und Nicole Weibel machen gemeinsam Kunst. Foto: Nik Egger

Eine Vielzahl von Beinen, die von einem Felsen baumeln; zwei Körper, in eine Box gepresst; Finger, die sich vor dem Berner Rathaus zu Gebilden spiegeln: Das ist die Kunst von BiglerWeibel. Jasmin Bigler und Nicole Weibel, 30 und 33 Jahre alt, projizieren und filmen seit 10 Jahren ihre Körper im öffentlichen Raum. Sie fordern die Sehgewohnheiten ihres Publikums heraus – mit Erfolg: Die Bernerinnen werden von Kunsthäusern in der ganzen Schweiz angefragt. 

Ihrem Atelier in der Längasse sieht man das aber kaum an. Mit dem grossen Tisch in der Mitte und den weissen Wänden ähnelt es eher einem Sitzungszimmer als einem Kunstraum – abgesehen von der Kleiderstange, an der Kostüme von knallbunt bis beige hängen. Dieser Raum im Künstler:innenhaus Schwobhaus scheint mehr eine Zwischenstation zu sein. 

Die Räume, in denen ihre Kunst denn richtig stattfindet, sind ausserhalb. Es sind kleine Schlösser, Thermalbäder, Bauernhöfe, Brunnen oder Schaufensterscheiben. Wenn sie in ihrem Atelier sind, arbeiten Weibel und Bigler grösstenteils digital. Sie sammeln ihre Ideen und Bildmaterial online in einer geteilten Arbeitsfläche. Hier beginnt auch schon das Ausprobieren. Weibel schneidet Bigler auf ihrem Bildschirm aus, schiebt die dann in eine Nische auf einem anderen Foto. «So etwas hätten wir auch machen können», findet sie mit einem ironischen Unterton. Bigler schaut auf Weibels Computer, und lacht: «Genau, jetzt halt beim nächsten Mal.»

Voller Terminkalender

Dass sie sich in der Kunstszene festigten, hatte sich, so wie ihre ganze Zusammenarbeit, einfach ergeben. So findet Bigler jetzt: «Wir wollten eigentlich beide kein Duo gründen, es ist einfach so passiert.»

Kennengelernt haben sich Weibel und Bigler vor zehn Jahren im Zug von Bern nach Luzern. Sie waren unterwegs zum ersten Tag ihres Bacherlor­studiums Kunst und Vermittlung an der HSLU. Jasmin Bigler war damals zwanzig Jahre alt, hatte das Gymnasium und den gestalterischen Vorkurs abgeschlossen; Nicole Weibel war drei Jahre älter und hatte nach der Berufsmaturität als Optikerin den Passerellenlehrgang gemacht. Weibel mit dunklem Lockenkopf, Bigler mit geraden blonden Haaren: ein äusserlicher Gegensatz, der in ihren Arbeiten immer wieder auftaucht.

Einige Wochen später im Semester besuchten sie einen Performance-Kurs. Die beiden arbeiteten zum ersten Mal zusammen und entdeckten ihre Faszination für Video-Performance. Davor malte Bigler, während Weibel am liebsten 3D-Objekte kreierte. Ihre Zusammenarbeit entwickelte sich dann im Verlauf des Studiums aus spielerischen Aufträgen, die sie einander stellten. Das war vor mehr als zehn Jahren. Seither sind die beiden unzertrennlich – künstlerisch zumindest. 

Die beiden schrieben schliesslich ihre Bachelor­arbeit gemeinsam. An deren Präsentation wurden sie von einem Talentscout entdeckt, der sie an ein Video-Filmfestival nach Rotterdam einlud. Ihr Kunstschaffen nahm Fahrt auf, es folgten Screenings in verschiedenen europäischen Städten, ein gemeinsamer Masterstudiengang an der HKB.

Heute ist ihr Kunstschaffen professioneller geworden. Fragen von Verwandten, wann sie denn wieder ein schönes Bild malen wollten, gibt es schon lange nicht mehr. Dafür wird das Duo von Kulturhäusern und Institutionen für Performances angefragt. 

Das gibt zu tun. Die Zwei planen Arbeitstage schon ein halbes Jahr im Voraus. Ein solcher Arbeitstag beginnt dann ungefähr um neun Uhr. Wenn sich die beiden Freundinnen schon länger nicht mehr gesehen haben, planen sie morgens extra Zeit ein, um einander auf den neusten Stand in ihrem Leben zu bringen. Dass sie miteinander Kunst machen, beinhaltet einerseits die Herausforderung, Arbeit und Freizeit voneinander zu trennen. Anderseits gilt es auch damit umzugehen, dass ihrer Freundschaft durch die Kunst eine andere Priorität zukommt. Es sei nicht einfach, wenn andere Beziehungen warten müssten. Gerade, wenn sich beispielsweise Ausstellungen anbahnen, schlafen die Künstlerinnen auch gerne mal im Atelier. 

Dadurch, dass sie so eng als Duo miteinander Kunst machen, sind sie sehr abhängig voneinander. Das ist ihnen bewusst. Es sei aber eine gute Abhängigkeit, auch sei es schön zu wissen, wo man in dieser Kunstwelt hingehört.

Keine Kompromisse

Trotz dieser Abhängigkeiten kennen die beiden nicht «das eine» Vorgehen. Sie wollen flexibel bleiben – und eher mit einem «Körbchen an Strategien» arbeiten. Denn jeder Ort, den sie bespielen, bietet andere Möglichkeiten. Welche die richtige ist, finden sie etwa auf einem «stummen Spaziergang» heraus. Bei dieser Strategie gehen beide für eine Zeitdauer mit Notizmaterial spazieren. Danach treffen sich die Künstlerinnen wieder und tragen ihre Ideen zusammen. Am Anfang eines Projekts arbeiten BiglerWeibel möglichst breit und wertungsfrei. Nach der ersten Planung verbringen sie einige Tage vor Ort, probieren aus und entwickeln weiter, was gefällt. Alles wird auf Video festgehalten. «Unsere Arbeit geht nur zu zweit» sagt Bigler, und ergänzt: «Jemand muss ja die Kamera halten.»

Danach geht es ans Bearbeiten des Materials. Im Schnitt und mit Spiegelungen manipulieren sie ihre Bilder und Körper so, dass sie ihrer gestalterischen Wunschwelt entsprechen. Auch hier gilt: Vier Augen sehen mehr als zwei. Nur selten haben sie ganz unterschiedliche Meinungen, dann formulieren sie aus, was für ihren Vorschlag spricht. «Es geht da nicht um Überzeugen oder Nachgeben, sondern um gemeinsames Überlegen», so Weibel. 

Die Videos werden als nächstes zurück am Ursprungsort inszeniert. Manchmal auf Bildschirmen gezeigt, manchmal passgenau an Wände oder sogar auf Waschbecken projiziert. Die Künstlerinnen interessieren sich für Sehgewohnheiten und das Hinterfragen derer. Dabei geht es um die Frage, wie man seine Umwelt wahrnimmt. «Eine Nische kann auch eine Einladung sein, diesen Raum mit meinem Körper in Relation zu setzen», erklärt Bigler. 

Nicht schön sein müssen

Dass sie Körper wertungsfrei inszenieren, ist ungewohnt und erfrischend. «Unser Körper hat hier nicht die Aufgabe, schön zu sein, sondern das, was wir wollen», erklärt Weibel. Und das ist ein krasser Bruch zur Art, wie weibliche Körper sonst gezeigt werden. Stichwort: Male Gaze (männlicher Blick). Sich im Rahmen ihrer Kunst nackt zu zeigen, war  nie ein Problem, vielmehr sei es immer wieder bestärkend, den eigenen Körper selbstbestimmt einzusetzen.

Ist es also feministische Kunst? Inzwischen stimmen sie dem zu, das war aber nicht immer so. Anfangs irritierte sie dieses Label, weil sie es sicherlich nicht aufgedrückt gekriegt hätten, wenn sie Männer wären. Dass Bigler und Weibel sich schon lange mit Feminismus beschäftigen, hatte wohl schon immer einen Einfluss auf ihr Schaffen. Es dauerte aber, bis sie sich reflektiert zu dieser Haltung als Künstlerinnen-Duo entschlossen. Man dürfe ihre Arbeiten gerne politisch lesen, wenn man aber das Absurde darin einfach lustig finde, dann sei das ebenso sehr willkommen. 


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