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Wenn Ostermundigen den Kanton Zug als Wirtschaftsstandort aussticht

«Omanda Medical Nutrition» zügelte aus dem Steuerparadies Zug in die Steuerhölle Bern. Die Gründe für den überraschenden Entscheid.

| Adrian Hauser | Wirtschaft
Bäre-Tower statt Zugersee: Das Team von «Omanda» hat eine neue Aussicht.
Bäre-Tower statt Zugersee: Das Team von «Omanda» hat eine neue Aussicht. Foto: Adrian Hauser

«Unsere gesamte Wertschöpfung befindet sich im Kanton Bern», sagt Yusuf Emer, CEO von «Omanda» in Ostermundigen. Das Unternehmen, das sich auf klinische Ernährung spezialisiert hat, zog vor Kurzem vom steuergünstigen Kanton Zug hierher in die Berner Agglogemeinde. Ostermundigen sei verkehrstechnisch gut erschlossen und daher auch für die Mitarbeitenden gut erreichbar. «Der Kanton Bern bietet eine hohe Lebensqualität», ergänzt Emer. Man schätzt zudem die Nähe zu Universität, Fachhochschule und Inselspital. Studentinnen und Studenten der Fachhochschule haben bei «Omanda» die Gelegenheit, ein Praktikum zu machen, um das Erlernte in die Praxis umzusetzen, das Inselspital ist ein wichtiger Kunde und die Universität ein wertvoller Partner für Forschung und Entwicklung. Das Start-up wird zudem von der Standortförderung des Kantons Bern unterstützt.

Gemäss dieser profitieren hier ansässige Unternehmen von der Nähe zu politischen Entscheidungsträgern, zu Universitäten, Fachhochschulen und anderen Forschungseinrichtungen. Steuertechnisch kann der Kanton Bern mit anderen Kantonen allerdings nicht mithalten. 

Gemäss Steuermonitor 2023 der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG und des Handels- und Industrievereins HIV des Kantons Bern ist der Gewinnsteuersatz für Unternehmen im Kanton Bern mit 21,04 Prozent schweizweit am höchsten. Dies hat sich gemäss Steuermonitor im vergangenen Jahr nur noch verschärft, da einige Kantone ihre Gewinnsteuersätze gesenkt haben. Auch die geplante Steuersenkung um zwei Steuerzehntel würde dem Kanton Bern kaum Vorteile im Standortwettbewerb bringen, «Wegzugsbewegungen von Firmen sind bereits sichtbar». 

Nachbarkantone massgebend

«Aus Berner Sicht ist insbesondere massgeblich, dass nicht nur die Kantone der Zentralschweiz weit tiefere Gewinnsteuersätze von rund 12 Prozent haben, sondern auch direkte Nachbarn wie Freiburg und Solothurn deutlich tiefere Gewinnsteuern kennen», erklärte Frank Roth, Leiter der Steuerabteilung von KPMG Bern, bei der Veröffentlichung des Steuermonitors.

«Das Gesamtpaket eines Standortes ist entscheidend und nicht nur der Steuersatz», meint Emer. «Omanda» hat vergangenes Jahr zum ersten Mal Gewinn geschrieben, also erst vor Kurzem den Break-even erreicht. Operativ ist das Unternehmen mit rund 10 Mitarbeitenden seit 2017. Die Mitarbeitenden sind allesamt spezialisierte Fachkräfte wie beispielsweise Ernährungsberaterinnen, Lebensmitteltechnologinnen, Gesundheitswissenschaftler, Diätfachleute oder Personen mit einer pharmazeutischen Ausbildung. Emer hat in grossen Unternehmen in leitenden Funk­tionen gearbeitet und bringt die betriebswirtschaftliche Seite mit ein.

Gegründet hat er das Unternehmen zusammen mit Dr. Raphael Banz als Chief Scientific Officer, der an der ETH Zürich Bewegungswissenschaften studierte und in diesem Bereich auch
promoviert hat. Mit der Wahl des Standorts Ostermundigen stellte man bewusst inhaltliche Überlegungen vor finanzielle Interessen. Denn für die Entwicklung ihrer hoch spezialisierten Produkte ist die Zusammenarbeit mit Stakeholdern wie Ernährungsberatern, Ärzten, Pflegefachpersonen, Köchen, Patientinnen zentral. Alle dies findet man in der Umgebung von Ostermundigen. Die Abfüllung der Produkte erfolgt durch ein weiteres junges Unternehmen im Kanton Bern. Es ist hier also alles vorhanden, was ein Unternehmen wie «Omanda» bei der Entwicklung seiner Produkte voranbringen kann. 

Kassenpflichtige Produkte

Die Geschäftsidee entstand aufgrund eines Unfalls in der Familie. Yusuf Emers Mutter ist gestürzt. Grund dafür war ein Abbau der Muskelmasse, in der Fachsprache auch Sarkopenie genannt. Sarkopenie entsteht oft im Alter, kann aber auch eine Folge einer Mangelernährung, einer Erkrankung oder Operation sein. Die Geschäftsidee war, klinische Trinknahrung herzustellen, die der Mangelernährung und gleichzeitig dem Muskel- und Kraftverlust gezielt entgegenwirkt. 

Inzwischen ist aus dieser Idee eine breite Palette an Produkten entstanden. Angeboten werden verschiedene Varianten von Trinknahrung, die klassischen Flüssigtrinknahrungen, Nahrung zum Löffeln wie beispielsweise eine Puddingmischung, Pulver, die dem normalen Essen beigemischt werden können, oder wasserlösliche Pulvermischungen zur Rehydrierung. Die Produkte von «Omanda» sind kassenpflichtig, das heisst, die Krankenkasse übernimmt bei entsprechender Indikation und einem Rezept die Kosten. «Wir stellen keine Lifestyle-Produkte her», stellt Yusuf Emer klar. Vertrieben werden die Produkte daher auch selten an die Endverbrauchenden direkt, sondern sie gelangen über Ärzte, Ernährungsberatungsstellen oder Pflegepersonal an diese. «Am meisten wird in die Entwicklung und Forschung investiert. Und dazu bietet der Wirtschaftsstandort Bern das entsprechende Netzwerk. 


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