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Geht flöten

Falls die Welt dereinst ganz kaputt ist – welche Musik wird es noch geben?

| Alice Galizia | Kultur
Alice Galizia	Foto: Janine Flückiger
Alice Galizia Foto: Janine Flückiger

Dieses Jahr wird die Suisa, die in der Schweiz für die Urheberrechte von Musikschaffenden zuständig ist, hundertjährig. Zum Anlass wurden verschiedene Schweizer Komponist:innen angefragt, eine Musik zu entwerfen, die erst in hundert Jahren zum ersten Mal gespielt wird. Wir alle, die jetzt leben, werden sie also garantiert nicht hören, auch nicht der:die Komponist:in selbst. Ein Musiker, mit dem ich kürzlich für ein Porträt ein Interview führte, erzählte mir von der Anfrage: Wie er sich hinsetzte, naheligenderweise auch darüber nachdachte, wie die Welt in hundert Jahren sein wird. Neben der Trommel (und der Stimme) ist die Flöte das älteste Instrument der Welt, es gibt sie in allen Kulturen. Und es wird sie mit ziemlicher Sicherheit auch in hundert Jahren noch geben, ganz egal, wie die Welt dann aussehen wird. Also setzte der Musiker sich hin und komponierte ein Stück für Flöten. Gut möglich, dass gerade das Rudimentäre der Grund ist, wieso die Flöte an so verschiedenen Orten auftaucht: im Kindergarten etwa, in der Kirche und im Jazz, als beliebte Samplegrundlage im Hip-Hop, bei Lizzo und bei Björk, am Lagerfeuer oder in Ritualen aller Art. Trotzdem scheint sie gerade einen Glanzmoment zu erleben, was unser Komponist auch feststellen musste, als er mit seinem Stück fertig war: Der Westschweizer Musiker Elvis Aloys tourte in den vergangenen Wochen mit einem «Flutorama» durch die Schweiz (was äusserst gut funktioniert und anzuhören ist, erfreulicherweise aber auch ein komisches Element behält.) Alles überschattend dann André3000, der siebzehn Jahre nach dem letzten Outkast-Album sein Solo-Debüt veröffentlichte: «New Blue Sun», ein Flötenalbum. Der erste Track trägt den schönen Titel «I Swear, I Really Wanted to Make a ‹Rap› Album But This Is Literally the Way the Wind Blew Me This Time» und macht damit auch gleich fest, womit wir es hier zu tun haben: Mit dem Zeitgeist, der durch alle Ritzen bläst und der eben auch meinen Interviewpartner hinterrücks ergriffen hatte. Unverhofft in der Mode gelandet, mit einem Stück, das allerdings eine ganze Weile noch niemand hören wird. Mag sein, dass die aktuelle Flötenlust tatsächlich mit einer Form von Katastrophenantizipation zu tun hat. Vielleicht ist dort auch die schon seit Längerem aufkeimende Chorlust zu verorten: bei der Frage danach, was übrig bleibt. «ich sags dir ehrlich: ich hätte von André3000 viel lieber ein rap-album gehabt», schreibe ich dem Komponisten per Mail, und er antwortet postwendend: «ich doch auch».


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