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Moderne Musik erlebbar machen

Das Komponisten-Kollektiv «L’art pour l’Aar» feiert dieses Jahr sein 20. Jubiläum. Im Gespräch mit dem Philosophen Claus Beisbart erläutert die Gruppe, welche Komponisten wegweisend fürs eigene Schaffen waren. Der «ARB» unterhielt sich mit Jean-Luc Darbellay über die Vermittlung Moderner Musik und sein breites Netzwerk, von dem die Gruppe profitierte.

| Bettina Gugger | Kultur
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Jean-Luc Darbellay komponierte viele Stücke für seine Kinder: Hornist Oliver Darbellay und Violinistin Noëlle-Anne Darbellay. Foto: zvg

Vor rund zwanzig Jahren formierte sich die Berner Komponisten-Gruppe «L’art pour l’Aar» mit dem Organisten und Chorleiter Hans Eugen Frischknecht, der Organistin und Lyrikerin Ursula Gut, dem Bieler Komponisten Alfred Schweizer, der nur kurze Zeit dabei war, und Jean-Luc Darbellay, der mit seinen mittlerweile 351 Kompositionen zu den bekanntesten Komponisten der Gegenwart zählt. Später kamen die Flötisten und Komponisten Pierre-André Bovey und Markus Hofer dazu. Ziel war es, die Moderne Musik aus ihrem Schattendasein herauszuführen. «Viele Menschen halten die Moderne Musik für kompliziert, mit ein paar Hintergrundinformationen hören sie aber auf einmal ganz anders hin», so Darbellay. Komponisten wie Arnold Schönberg prägten vor gut hundert Jahren die Moderne Musik. Dabei wurde die Tonalität aufgehoben hin zur freien Atonalität und zur Zwölftontechnik.
Komponistinnen und Komponisten seien Eigenbrötler. So stand von Beginn weg die Vermittlung im Zentrum der Aktivitäten von «L’art pour l’Aar» und weniger der Austausch über ihre Kompositionen. «L’art pour l’Aar» begann als Festival, später verteilte die Gruppe die Konzerte aufs ganze Jahr. 150 Schweizer Komponistinnen und Komponisten stellten in den letzten 20 Jahren im Rahmen dieser Konzerte ihre Werke vor, davon stammten 70 aus dem Kanton Bern. Gäste aus Deutschland, Frankreich, Österreich Japan, England und den Färöer-Inseln folgten der Einladung nach Bern. Umgekehrt trugen auch «L’art pour l’Aar» ihre Kompositionen in die Welt, etwa nach Frankreich, wo sie mit den Kollegen von «la scène pour la Seine» kollaborierten, sie gastierten aber auch in Japan oder in der Ukraine. In der Schweiz ist die Gruppe besonders mit der Bieler Musikszene und dem Sinfonie Orchester Biel Solothurn verbunden.

Die Disziplin des Multitalents

Die Gruppe profitierte von Jean-Luc Darbellays internationalen Kontakten. Führende Orchester weltweit inszenierten seine Stücke, unter anderem die Rundfunk-Symphonieorchester Stuttgart und Leipzig, das Nationalorchester der Ukraine, das Philharmonische Orchester Moskau, das Orchestre philharmonique de Radio France, das String Orchestra of New York City, die Hong Kong Philharmonic, die Tokyo Sinfonietta oder das Brasilianische Nationalorchester. Ausserdem war er zwölf Jahre Präsident der Schweizer Gesellschaft für neue Musik. 2006 verlieh ihm der Französische Staat den Titel «Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres».
Dabei begann Darbellay erst mit 29 sein Musikstudium am Konservatorium Bern, nachdem er erfolgreich sein Medizinstudium abgeschlossen hatte. Er studierte Klarinette und liess sich zum Dirigenten ausbilden. Durch Theo Hirsbrunner, Musikwissenschaftler und Dozent am Konsi sei er zum Komponisten geworden. Hirsbrunner habe ihm die Aufgabe erteilt, mit den gleichen Tönen aus dem «Kinderstück» von Anton Webern ein eigenes Stück zu komponieren. «Du bist ein Komponist!», habe dieser ausgerufen, als ihm Darbellay seine Version des «Kinderstücks» vorlegte. Seine Karriere kam ins Rollen, unter anderem durch die Bekanntschaft mit dem Dirigenten Fabio Luisi, den er im Rahmen eines Auftrages für das Orchestre de la Suisse Romande kennenlernte. «Ich habe in meiner Karriere sehr viel Glück gehabt», meint Darbellay.
30 Jahre lang führte er als Allgemeinmediziner eine eigene Praxis im Kirchenfeld. Morgens stand er jeweils um drei Uhr auf, komponierte bis sechs Uhr, legte sich nochmals eine Stunde hin, bevor er seine Patienten empfing. Mittags habe er jeweils eine kleine Siesta gehalten. «Auch die Psychiatrie hat mich interessiert», erinnert sich Darbellay, aber die eigene Praxis, die er nach dem Konsi vom Vater übernahm, habe ihm die Freiheit gegeben, seine zahlreichen weltweiten Engagements wahrzunehmen.

Transdisziplinäres Interesse

Das Interesse für andere Disziplinen ist auch eines der Markenzeichen von «L’art pour l’Aar», die sich einmal im Monat zum Austausch treffen. Sie suchen die Begegnung mit der Literatur und der Kunst. So komponierte die Gruppe auch schon zu Bildern von Paul Klee, inspiriert von einem Kompositionsauftrag, den Jean-Luc Darbellay anlässlich des 70. Jubiläums des Bauhaus Dessau realisierte. Er reagierte auf die Zeichnung «Ein Garten für Orpheus» von Paul Klee, der vier Jahre lang am Bauhaus Dessau unterrichtet hatte. Darbellays erhellende Erläuterungen zu diesem Stück machen deutlich, dass sich seine Kompositionen am Motivischen orientieren und ähnlichen Gestaltungsprinzipien folgen wie die Kunst oder die Literatur.
«L’art pour l’Aar» komponierte aber auch schon zu physikalischen Gesetzen. Zusammen mit Claus Beisbart, Astrophysiker und Professor für Philosophie, untersuchte die Gruppe im Rahmen eines Konzertes die Gravitationskraft.
Das folgende Jubiläumskonzert, unter dem Motto «Rückblicke», moderiert ebenfalls Claus Beisbart. Neben Eigenkompositionen stehen Stücke von Anton Webern, Karlheinz Stockhausen, Olivier Messiaen und Georges Aperghis auf dem Programm, interpretiert von Pierre-André Bovey, dem Pianisten Stefan Wirth und «Darbellays Familienkapelle»: Hornist Olivier Darbellay und Violinistin Noëlle-Anne Darbellay, für die Jean-Luc Darbellay viele seiner Stücke komponiert hat.
Im Gespräch mit Claus Beisbart erläutern Jean-Luc Darbellay, Markus Hofer, Pierre-André Bovey und Hans Eugen Frischknecht, wie die ausgewählten Stücke ihr eigenes kompositorisches Schaffen beeinflusst haben.
Darbellays Stück «Alani» für Klavier, Horn und Violine, inspiriert von der Rue d’Alani in Verbier, wo die Familie ein Chalet besitzt, nimmt Bezug auf ein Stück von Brahms mit gleicher Besetzung. Darbellay verwebt dabei Zitate aus älterer Zeit mit modernen Effekten wie dem halb gestopften Horn – dabei wird durch das Einführen der Hand in den Schalltrichter die Tonhöhe verändert oder dem gezupften Klavier, dessen Klang länger nachhallt als jener der Harfe. Eine Spezialität von Noëlle-Anne Darbellay ist ihr Gesang; damit erzeugt sie mit der Geige drei Klangebenen gleichzeitig.
«Man muss die Moderne Musik bis ins Detail studieren», so Darbellay, der sich in der Vergangenheit intensiv mit Pierre Boulez auseinandergesetzt hat. «Und irgendwann versteht man sie und ist in der Lage, mit den neuen Elementen zu komponieren».

 

Le Cap, Französische Kirche, Bern, 9. Juni, 11.00 Uhr, «Rückblicke».
Hangar 1, Flugplatz Meiringen, 8. Juli, 18.00 Uhr, Uraufführung «Le Petit Prince» von Antoine de Saint-Exupéry, Musik von Jean-Luc Darbellay, szenische Einrichtung Frank Demenga, im Rahmen der Musikfestwoche Meiringen.
artpourlaar.ch
jean-luc-derballay.ch


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