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Wenn der Commander vom Cello aus dirigiert

Steven Isserlis gestaltet als neuer Arstistic Partner der Camerata Bern den Saisonabschluss mit dem Programm «Romantic Classicists / Classical Romantics». Mit «Präludium und Fuge» von Beethoven begibt er sich auf eine musikwissenschaftliche Entdeckungsreise und birgt einen kleinen Schatz.

| Bettina Gugger | Kultur
Camerata
Für Steven Isserlis ist Musik ein Kommunikationsmittel. Foto: zvg


Die Camerata Bern sind 15 Solistinnen und Solisten, die seit 1962 die Tradition pflegen und mit facettenreichen Programmen immer wieder nue Wege wagen.
Mit Steven Isserlis, Commander of the British Empire, konnte die Camerata Bern einen Artistic Partner verpflichten, der nicht nur mit seinem aussergewöhnlichen Cellospiel die Welt der Klassik begeistert; als Autor von Kinderbüchern, Sachbüchern für Erwachsene und gefragter Musikexperte, vermag er die Klassik auch sprachlich virtuos zu vermitteln.
«Vielleicht ist Musik wirklich nur eine andere Sprache mit einer eigenen Bedeutung. Doch etwas ist in der Musik geheimnisvoller als in anderen Sprachen: Die Palette an Klängen ist viel, viel grösser als bei jeder gesprochenen Sprache, und da Töne nicht an eine bestimmte Bedeutung gebunden sind, können sie auch viel mehr ausdrücken», schreibt Isserlis im Vorwort zum Kinderbuch «Warum Beethoven mit Gulasch um sich warf», in dem er seine liebsten Komponisten vorstellt. Das Buch erschien 2005 in der deutschen Fassung und bietet auch erwachsenen Leserinnen und Lesern einen amüsanten und lehrreichen Einstieg in die Welt der Klassik. Isserlis schrieb es für seinen damals 11-jährigen Sohn, da er kindergerechte Fachliteratur über Musik vermisste. «Ein singendes Kind ist ein glückliches Kind», ist Isserlis überzeugt.

Berühmte Ahnen

Steven Isserlis ist der Enkel des russischen Komponisten Julius Isserlis. Sein Familienstammbaum lässt sich nach eigenen Angaben auf Felix Mendelssohn, Karl Marx und Helena Rubinstein zurückverfolgen.
So illuster seine Ahnenreihe anmutet, so geerdet und nahbar tritt Steven Isserlis auf. Jungen Musikerinnen und Musikern empfiehlt er etwa, ein Stück so zu spielen, wie sie es unter der Dusche singen würden. Er vermisst bei den Jungen die bedingungslose Liebe zur Musik und erinnert etwa daran, dass Musik kein Wettbewerb sei. Steven Isserlis gibt regelmässig Meisterkurse bei der Kronberg Academy. Seit 1997 ist er Künstlerischer Direktor des International Musicians Seminar in Prussia Cove in Cornwall.
«Was die Musik betrifft, hatte ich Glück. Ich wuchs in einem Haus voller Klänge auf», schreibt Isserlis im bereits erwähnten Kinderbuch. Der Vater spielte Geige, die Mutter Klavier, die älteste Schwester Bratsche und Klavier und die mittlere Schwester Geige und Klavier. Den Samen für Steven Isserlis breites Wirken als Cellist, Autor und Musikexperte legte seine Cellolehrerin Jane Cowan: «… erst als ich bei meiner wichtigsten Cellolehrerin Stunden nahm, lernte ich diese Komponisten als Menschen kennen; meine Lehrerin erweckte sie zum Leben! … Sie ermutigte mich, mich mit ihnen anzufreunden.»

Eine Brücke ins Jetzt

Von den besonderen Freundschaften und einem genuinen Musikverständnis kündet auch das Programm «Romantic Classicists / Classical Romantics», in dem Isserlis viel Neues wagt. So präsentiert Isserlis beispielsweise ein «Präludium und Fuge» von Beethoven, das in dieser Form noch nie gespielt wurde.
1817 komponierte Beethoven ein Präludium für Streichquintett in D minor. Die Fuge dazu blieb ein Fragment und Beethoven schrieb im selben Jahr eine neue Fuge für Streichquartett in D major. Die Fuge wurde später als Opus 137 publiziert. «Ich hatte immer den Eindruck, dass das Präludium und die Fuge verlinkt werden können», so Isserlis. Er sprach mit dem Pianisten und Musikwissenschaftler Robert Levin und innerhalb kurzer Zeit habe dieser eine Brückenpassage geschrieben. «Das ist ganz neu für mich», freut sich Isserlis. «Das Präludium scheint mir fast die Essenz des späten Beethoven zu sein – es spricht zu uns wie aus einer anderen Welt.»
Dem Programm liege die Idee zugrunde, Mendelssohns Streichquintett in B-Dur mit einem Streichorchester zu spielen, so Isserlis. Er habe das Stück nie mit einer grösseren Gruppe gespielt. Alle Non-Concerto-Stücke im Programm mit einem grösseren Ensemble zu spielen, sei neu für ihn. Neben Beethoven und Mendelssohn stehen ausserdem Carl Philipp Emanuel Bachs Cellokonzert in A-Dur Wq. 172, Luigi Boccherinis Cellokonzert in A-Dur Nr. 2, G. 475 und Camille Saint-Saëns Sarabande op. 93 Nr. 1 für Streichorchester auf dem Programm. Neben dem klassischen Romantiker Mendelssohn und dem Klassizisten Saint-Saëns sei Boccherini ein Sonderfall, ein einzigartiger Komponist, der seine eigene Welt kreiert habe.
Und der späte Beethoven: «Well, we know about late Beethoven …» Als Junge habe er oft unten im Wohnzimmer den Vater die Kreuzersonate üben hören, wenn er im Bett gelegen habe, erinnert sich Isserlis. Und das alte Klischee stimme tatsächlich: «Beethovens Musik wird immer wichtiger, je älter man wird».
Auch in der nächsten Saison wird Steven Isserlis wieder als Artistic Partner der Camerata fungieren. Er wird im März 2025 das fünfte Abokonzert und Gastspiel mit dem Titel «Chant» in der Aula Magna de l’Université in Fribourg leiten.
«Ich fühle mich geehrt, Artistic Partner der Camerata zu sein. Sie ist ein ganz besonderes Ensemble, musikalisch und menschlich. Mit dieser Gruppe zu spielen, ist Kammermusik im grossen Stil.» 

 

Stationen eines grossen Kommunikators der Musik

Als Solist tritt Steven Isserlis regelmässig mit den weltweit führenden Orchestern wie dem Berliner Philharmonie Orchester, dem National Symphony Orchestra Washington, dem London Philharmonic Orchestra, dem Tonhalle Orchester Zürich oder dem Mahler Chamber Orchestra auf. Er kuratierte Reihen für weltweit führende Konzertsäle und Festivals wie die Wigmore Hall, die 92NY in New York und die Salzburger Festspiele.
Isserlis konzertiert mit den führenden Barockorchestern und leitet Kammerorchester oft selbst vom Cello aus.
Er ist Autor des Magazins «Gramophone», des «Daily Telegraph», des «Guardian», und regelmässiger Gast bei «BBC». Sein jüngstes Buch «The Bach Cello Suites: A Companion» wurde mit dem Presto Music Award als Buch des Jahres ausge
zeichnet.
Seine mit Preisen gekrönte Diskographie umfasst u. a. die Solo Cellosuiten von Bach, Aufnahmen der grossen Cellokonzerte unter Paavo Järvi, Beethovens Cellosonaten mit Robert Levin, Lieux retrouvés mit Thomas Adès und Haydns Cellokonzerte mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.
1998 wurde er für sein Wirken als Commander des Order of the British Empire (Orden des britischen Weltreichs, ein britischer Ritterorden, der 1917 von König Georg V. gestiftet wurde) usgezeichnet. (pd)

 

Aaresaal Belp, 22 Juni, 17.00 Uhr, öffentliche Hauptprobe.

Casino Bern, 23. Juni, 17.00 Uhr.

«Warum Beethoven mit Gulasch um sich warf», Rüffer & Rub, 2005
«Warum Händel mit Hofklatsch hausierte», Rüffer & Rub, 2007


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