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«Die Leute wollen mitsingen und mitgrölen …»
In zwei Wochen startet das Gurtenfestival mit seiner 41. Ausgabe. Der «ARB» sprach mit Lena Fischer, Mitglied der Geschäftsleitung und Mediensprecherin, über das Festivalmachen, die scheinbare Partyunlust der jungen Generation und darüber, wie man als Veranstalterin fast verpasst, was man auf die Beine stellt.

«Anzeiger Region Bern»: Lena Fischer wie locken Sie einen Festivalmuffel auf den Gurten?
Lena Fischer: Es kommt natürlich darauf an, weshalb Sie Festivals nicht mögen. Wenn es wegen der Menschenmassen ist, dann würde ich Ihnen wohl tatsächlich raten, zu Hause zu bleiben. Dann wird das eher nichts. Und das ist ganz okay.
Was bringt denn 20 000 Menschen dazu, sich vor eine Bühne zu stellen?
Die richtigen Acts natürlich. Persönlichkeiten, die im Radio stattfinden, denn die Leute wollen mitsingen, manchmal mitgrölen, sie wollen sich in den Armen liegen. Wir suchen diese Momente, wo das ganze Publikum nach dem einen emotionalen Fluchtpunkt ausgerichtet ist. Darüber zerbrechen wir uns als Festivalkurator:innen die Köpfe. Nehmen wir dieses Jahr zum Beispiel Nelly Furtado: Sie wird mehrere Generationen vor der Bühne vereinen. Achtzehn- und Fündundvierzigjährige fühlen sich mit ihr verbunden. Das ist die eine Seite.
Und was ist die andere?
Wir achten darauf, dass auch weniger bekannte Künstler:innen im Programm Platz haben. Wir arbeiten an einer funktionierenden Mischung aus Bestätigung und Überraschung. Aber ganz ehrlich: Wir sind ein Mainstream- und Popfestival. Wir geben uns einen entsprechend anderen Auftrag als kleinere, experimentellere Veranstaltungen. Und wir würden lügen, wenn wir behaupteten, auf der Gurtenbühne habe alles Platz.
Aber Patent Ochsner geht immer, scheint es. Lädt sich die Band mittlerweile selbst ein?
(Lacht) Nein, das geht ganz geregelt vonstatten, wie bei jeder anderen Band auch. Aber natürlich haben wir mit den lokalen, langjährigen Publikumslieblingen einen besonderen Kontakt. Und: Unser Publikum ist altersmässig auffallend durchmischt, auch im Vergleich mit ähnlich grossen Openairs. Das Festivalprogramm soll diesen Umstand abbilden. Bands wie Patent Ochsner sind wichtig für diese spezifische Gurten-Identität.
Weg von den Alten: Derzeit wird gern behauptet, die junge Generation gehe nicht mehr aus, trinke nicht mehr und ziehe sich lieber in ihre Bezugsgruppen zurück, anstatt an Grossevents zu strömen. Stimmts?
Man sollte da nicht pauschalisieren. Klar, die Pandemie war besonders für junge Menschen eine einschneidende Zeit, die gewisse Bedürfnisse verschoben haben könnte. Allerdings kommen nach wie vor auch sehr viele junge Menschen zu uns auf den Gurten. Dass der Altersdurchschnitt relativ stabil bleibt, zeigt, dass sich auch «die Jungen» jedes Jahr fürs Festival begeistern lassen.
Wann waren Sie das erste Mal auf dem Gurtenfestival?
Da war ich vierzehn. Meine Freundinnen und ich sind alle Tage geblieben und haben auf dem Berg gezeltet, obwohl wir Stadtkinder waren und eigentlich keinen langen Heimweg gehabt hätten.
Den Zeltplatz gibt es nicht mehr. Dafür hat sich am Fuss des Bergs mit dem Gugus Gurte in der Heitere Fahne seit 2013 ein Parallelfestival angesiedelt. Wie läuft die Nachbarschaft?
Die Nachbarschaft läuft gut. Wir sind selbstverständlich im Austausch, schon nur aufgrund der geografischen Nähe, aber auch aus logistischen Gründen. Das «Gugus» und das Gurtenfestival nehmen einander nichts weg, im Gegenteil: Sie ergänzen sich gut. Die eine oder andere Gurtenfestivalbesucherin kehrt auf dem Weg hoch zuerst in der Heitere Fahne ein.
Sie haben eingangs von Kuration gesprochen. Wo sehen Sie die gestalterischen Möglichkeiten bei einem kommerziellen Grossevent wie dem Gurtenfestival?
Es geht um Dynamiken. Es macht einen grossen Unterschied, ob wir einfach bekannte, gerade verfügbare Namen aneinanderreihen oder ob wir uns ein paar Gedanken machen: Welche Band funktioniert wann? Was freut die Leute um vier Uhr Nachmittags, was freut sie um vier Uhr in der Nacht? Was passiert davor und danach und wie bewegen sich die Menschen über das Gelände? Nicht zuletzt: Stehen vor allem männlich gelesene Künstler auf dem Programm, wie es lange Zeit üblich war?
Die Musikindustrie ist nach wie vor eine Männerdomäne.
Da ändert sich zurzeit Vieles, es ist schon deutlich anders als noch vor zehn Jahren. Aber da ist noch jede Menge zu tun, was die Sichtbarkeit von Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten betrifft. Mich freut es, dass auch auf dem Gurten immer mehr Frauen in traditionell von Männern bekleideten Positionen arbeiten: Als Bühnentechnikerinnen zum Beispiel, oder in der organisatorischen Verantwortung. Das sind wichtige kleine Schritte.
Wie werden Sie selber als Tätschmeisterin das Festival erleben?
Natürlich werde ich alle Hände voll zu tun haben und so ziemlich jedes Konzert verpassen! Das gehört zum Job dazu. Aber ein Konzert werde ich mir bestimmt vornehmen, welches, weiss ich jetzt noch nicht. Dann werde ich durch die Menge streifen und die Stimmung aufsaugen wie ein Schwamm.
Lena Fischer / Foto: Janosch Abel
Gurtenfestival, 17. bis 20. Juli.
Infos und Tickets: gurtenfestival.ch